Wer heute einen Fernseher kauft, erfährt aus dem Datenblatt einiges über Panel, Bildwiederholrate und Prozessor. Was dort vermutlich nicht steht: Viele Smart-TVs können erkennen, was auf dem Bildschirm läuft, und das zurückmelden. 2017 erklärte sich der US-Hersteller Vizio bereit, 2,2 Millionen Dollar zu zahlen, um Vorwürfe beizulegen, er habe von Millionen Geräten ohne Zustimmung der Besitzer Sehdaten gesammelt. Für einen Hersteller kann das Wissen, was Menschen schauen, wie lange und wann sie abschalten, mehr wert sein als die Marge auf die Hardware.
Dasselbe Geschäft steckt unter den meisten Technologien, die wir nutzen. Handy, Auto, Fitnessuhr und smarter Lautsprecher können sehr gut, was sie können sollen, und fast alle erzeugen nebenbei einen stetigen Strom von Daten über die Person, die sie benutzt. Um diesen Strom geht es hier.
Warum Daten so wertvoll geworden sind
1. Jedes Datum hält etwas fest, das wirklich passiert ist
Ein Klick, ein Kauf, der Heimweg, ein Puls, gemessen um drei Uhr nachts: Jedes davon gehört zu einer bestimmten Person, einem Ort und einem Moment. Man kann sie nicht auf Bestellung erneut erzeugen und in großem Stil nicht überzeugend erfinden. Daher kommt ihr Wert. Sie beschreiben, was Menschen tatsächlich getan haben, nicht was sie behaupten oder was eine Umfrage vermutet.
2. KI ist nur so gut wie ihre Daten
Machine-Learning-Modelle lernen ausschließlich aus Beispielen. Ein Modell, das mit schlechten, einseitigen oder verzerrten Daten trainiert wurde, trifft schlechte, einseitige oder verzerrte Entscheidungen, egal wie raffiniert der Algorithmus ist. Mit sauberen, vielfältigen und repräsentativen Daten helfen dieselben Verfahren, Krebs auf Aufnahmen früher zu erkennen, Musik zu empfehlen, die Menschen wirklich mögen, und Autos vor Zusammenstößen zu bewahren. Daten bringen einem Modell bei, wie das Normale aussieht und was auffallen sollte. Ohne Daten kein Lernen, ohne Lernen keine „Intelligenz“.
3. Daten über Menschen sind die wertvollsten
Sensorwerte einer Maschine sind nützlich. Daten über Menschen, also was sie kaufen, wohin sie gehen, wonach sie spätabends suchen, sind viel mehr wert, weil fast jedes Unternehmen und jede öffentliche Leistung letztlich für Menschen da ist. Mit Einwilligung erhoben und sorgfältig behandelt, zeigen sie Gesundheitstrends, decken ungedeckte Bedürfnisse auf und machen Dienste besser. Achtlos behandelt, können sie dazu dienen, genau die Menschen zu manipulieren, die sie beschreiben.
Mehr als das neue Öl
Der Satz „Daten sind das neue Öl“ wird meist dem britischen Mathematiker Clive Humby zugeschrieben (2006), und 2017 schrieb The Economist, Daten hätten Öl als wertvollste Ressource der Welt abgelöst. Bis zu einem gewissen Punkt passt der Vergleich. Wie Rohöl sind Rohdaten wenig wert, solange sie nicht veredelt sind, und sie treiben riesige Industrien an.
Die Unterschiede wiegen aber schwerer. Öl ist weg, wenn man es verbrennt; Daten lassen sich immer wieder nutzen, von vielen gleichzeitig. Ölreserven schrumpfen, Daten wachsen jede Sekunde weiter. Deshalb gefällt mir der Vergleich im Titel besser. Wie Gold oder Silber sind Daten etwas, wonach man gräbt, das man veredelt und aufbewahrt, aber anders als ein Metall nutzen sie sich nie ab.
Inzwischen sind sie auch eine Art Sprache. Über sie lernt dein Handy, wann es dir den Weg zur Arbeit vorschlagen soll, baut eine Musik-App eine Playlist, die zu deinem Abend passt, und merkt ein Schlaftracker, dass du nach einem späten Kaffee schlechter schläfst. Und weil sie uns beschreiben, lernen wir über sie zunehmend auch uns selbst kennen: Muster in unserem eigenen Verhalten, die uns ohne sie nie aufgefallen wären.
Die ethische Seite
All das wirft Fragen auf, die nicht nur technischer Natur sind. Wem gehören die Daten, die du jeden Tag erzeugst: dir, dem Gerätehersteller oder der App? Wie lange dürfen sie gespeichert und an wen dürfen sie verkauft werden? Kannst du einsehen, was über dich gesammelt wurde, und es löschen lassen?
Gesetze haben begonnen, einige dieser Fragen zu beantworten. Die Datenschutz-Grundverordnung der EU, seit 2018 anwendbar, gibt Menschen das Recht, ihre personenbezogenen Daten einzusehen, berichtigen und löschen zu lassen, und ähnliche Gesetze gibt es auch anderswo, etwa das türkische KVKK. Aber Gesetze sind langsam und Technik ist schnell. Vieles hängt deshalb weiterhin davon ab, wie sich Unternehmen verhalten und wie genau Nutzer hinschauen.
Das Ziel sollte eine digitale Zukunft sein, die die Menschen respektiert, die von den Daten beschrieben werden, und die Daten nutzt, um ihnen zu helfen, statt sie zu lenken oder auszunutzen.
Eine kostbare Ressource
Man denkt bei Daten leicht an Hintergrundrauschen, an Zahlen, die irgendwo in der Cloud herumschwirren. Tatsächlich sind sie das Material, aus dem unser digitales Leben gebaut ist, die Brücke zwischen menschlicher Erfahrung und dem, was Maschinen verstehen können. Die Technologien, die in den kommenden Jahren am meisten zählen, von KI bis zu Smart Cities, werden davon abhängen, wie viele Daten wir haben, wie gut sie sind und wie verantwortungsvoll mit ihnen umgegangen wird.
Wenn also dein Handy sich das nächste Mal entsperrt, weil es dein Gesicht erkennt, oder dein Assistent sich an deine übliche Kaffeebestellung erinnert: Das ist keine Magie. Das sind Daten, eines der kostbarsten Materialien unserer Zeit.



