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Blog · Geschichte
Das Ergenekon-Epos

Vorweg: Ich bin kein Turkologe. Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich Freunden, die kein Türkisch sprechen und nach Ergenekon fragten, nie eine gut lesbare Quelle nennen konnte. Was folgt, ist die Geschichte so, wie sie in der Türkei meist erzählt wird, mit einer kurzen Anmerkung am Ende dazu, woher sie stammt.

Die Niederlage

Viele Jahre lang tobte ein erbitterter Krieg zwischen den Türken und den Tataren. Die Türken, bekannt für ihren Mut und ihr Geschick im Kampf, gewannen eine Schlacht nach der anderen. In der alten Erzählung heißt es: „Es gab kein Land im Reich der Türken, in das kein türkischer Pfeil flog, das die türkische Macht nicht erreichte und dessen Volk sich nicht vor den Türken verneigte.“ Die Türken führte İl Han, die Tataren Sevinç Han.

Sevinç Han gelang es, die Kirgisen und einige andere Stämme auf seine Seite zu ziehen. In einer von Verrat überschatteten Schlacht wurden die Türken besiegt. Fast alle wurden getötet, und ihr Geschlecht stand kurz vor dem Erlöschen. Nur İl Hans jüngster Sohn Kıyan und sein Neffe Nüküz überlebten, gefangen genommen zusammen mit ihren Frauen.

Der Weg nach Ergenekon

Eines Tages gelang den beiden die Flucht, und sie trafen sich an dem Ort, an dem ihr Volk einst gelagert hatte. Auch die Kamele, Pferde, Rinder und Schafe, die dem Feind entkommen waren, sammelten sich dort. Sie wussten: Blieben sie, würde man sie bald finden und töten. Also beschlossen sie, mit ihren Herden in Länder zu ziehen, die noch kein Mensch betreten hatte, und keine Spur zu hinterlassen.

Sie folgten den Fährten wilder Ziegen in die Berge, überquerten einen Kamm und zogen durch eine enge Schlucht. Als sie zurückblickten, sahen sie, dass der Weg so steil war, dass selbst eine trittsichere Ziege ihn kaum bewältigt hätte.

Das Land, das sie erreichten, war weit und unberührt, ohne einen einzigen Pfad. Es gab Früchte, Pflanzen, Wild und fließendes Wasser im Überfluss. Sie dankten Gott, ließen sich nieder und nannten den Ort Ergenekon. Dieser verborgene Zufluchtsort wurde die neue Heimat der Überlebenden.

Vierhundert Jahre

In Ergenekon wuchsen die Familien von Kıyan und Nüküz. „Jahre vergingen, die Zeit floss dahin. Kıyan hatte viele Kinder, Nüküz weniger. Aus Kıyans Linie gingen die Kıyat hervor, aus Nüküz' Linie die Nüküz und die Düzlügin.“ In vierhundert Jahren wurden sie so zahlreich, dass das Tal sie nicht mehr fassen konnte.

Um aus der Enge auszubrechen, riefen sie eine große Versammlung ein, einen Kurultai, und erklärten: „Wir sind jetzt viele und fürchten keinen Feind. Wir treffen uns mit unseren Freunden und ringen mit unseren Feinden!“ Doch so sehr sie suchten, sie fanden keinen Weg aus den Bergen.

Der Eisenberg und der graue Wolf

Da trat ein Schmied vor und sagte: „In diesen Bergen gibt es Eisen. Wenn wir das Eisen schmelzen und einen Weg öffnen, gibt der Berg vielleicht nach.“

Auf seinen Rat hin schichteten sie am Fuß des Berges abwechselnd Holz und Kohle auf. Sie fertigten siebzig Blasebälge aus Tierhäuten und fachten das Feuer tagelang an, bis das eiserne Herz des Berges rot glühte, schmolz und einen Weg freigab, breit genug für ein voll beladenes Kamel.

In diesem Augenblick erschien, wie vom Himmel gesandt, ein Bozkurt, ein grauer Wolf, und stellte sich vor sie. Sie verstanden, dass er gekommen war, um sie zu führen. „Der graue Wolf wird uns den Weg zeigen“, sagten sie und folgten ihm aus Ergenekon hinaus. In der bekanntesten türkischen Fassung war es der Khan Börte Çine, der sie hinausführte.

Die Rückkehr

Draußen schmiedeten sie aus dem Eisen des Berges Waffen und Werkzeuge und zogen gegen den Feind, der sie beinahe ausgelöscht hatte. Viele fielen in den Kämpfen, doch nach großen Entbehrungen siegten sie. Sie rächten sich an den Tataren und eroberten die Länder ihrer Vorfahren zurück.

Der Tag, an dem sie Ergenekon verließen, geriet nie in Vergessenheit. Jedes Jahr wurde er als Fest begangen: Der Khan erhitzte ein Stück Eisen im Feuer und schlug es mit dem Hammer auf dem Amboss, und nach ihm taten es die Vornehmen des Stammes, zur Erinnerung an den Berg, der geschmolzen war, um ihr Volk zu befreien.

Woher die Geschichte stammt

Ergenekon ist vor allem durch zwei Chroniken überliefert. Die ältere ist Dschami' at-tawarich, die große Weltgeschichte, die Raschid ad-Din, Wesir des mongolischen Ilchanats, Anfang des 14. Jahrhunderts zusammenstellte. Dort wird die Fluchtgeschichte über die Vorfahren der Mongolen erzählt. Die zweite ist Şecere-i Türk (Der Stammbaum der Türken), im 17. Jahrhundert von Abu l-Ghazi Bahadur Khan verfasst, dem Herrscher von Chiwa. Sie enthält die ausführlichere Fassung mit dem Schmied, dem geschmolzenen Berg und dem Fest. Der Wolf als Führer und Ahne ist noch viel älter: Chinesische Chroniken berichten, dass die Göktürken glaubten, von einer Wölfin abzustammen.

Für Türken ist Ergenekon vor allem eine Geschichte von Widerstandskraft und Wiedergeburt: ein Volk am Rand der Auslöschung, das im Verborgenen überlebt, wieder erstarkt und sich mit der Führung des grauen Wolfs und der eigenen Hände Kraft seinen Platz in der Welt zurückerobert.

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