Das Oğuz-Kağan-Epos gehört zu den Gründungsgeschichten der türkischen Welt. Seine bekannteste Fassung ist in einer einzigen Handschrift in uigurischer Schrift erhalten, die heute in der Französischen Nationalbibliothek in Paris aufbewahrt wird. Was folgt, ist meine eigene Nacherzählung dieser Geschichte in einfachen Worten, für Freunde, die kein Türkisch lesen.
Ein Kind wie kein anderes
Eines Tages brachte Ay Kağan einen Sohn zur Welt. Sein Gesicht war blau, sein Mund feuerrot, seine Augen rötlich, Haare und Brauen schwarz; er war schöner als die schönsten Feen. Das Kind trank die erste Milch seiner Mutter nur ein einziges Mal und wollte danach keine mehr. Stattdessen verlangte es rohes Fleisch, Speise und Wein, und es begann zu sprechen.
Nach vierzig Tagen war es groß geworden, lief und spielte. Seine Beine glichen denen eines Ochsen, seine Hüfte der eines Wolfs, seine Schultern denen eines Zobels und seine Brust der eines Bären, und sein ganzer Körper war behaart. Er hütete Pferde, ritt und ging auf die Jagd. Tage und Nächte vergingen, und er wurde ein junger Held.
Das Ungeheuer im Wald
Damals gab es einen großen Wald mit vielen Flüssen und Bächen, reich an Wild und Vögeln. Darin lebte ein riesiges Ungeheuer, das Epos nennt es kıyant, oft als Einhorn oder Nashorn übersetzt. Es fraß Pferde und Menschen, und das Volk lebte in Angst.
Oğuz beschloss, es zu jagen. Er nahm Speer, Bogen und Pfeile, Schwert und Schild und zog los. Zuerst fing er einen Hirsch, band ihn mit einem Weidenzweig an einen Baum und ging fort. Am nächsten Morgen war der Hirsch verschwunden; das Ungeheuer hatte ihn geholt. Dann fing er einen Bären und band ihn mit seinem goldenen Gürtel an den Baum. Am nächsten Morgen war auch der Bär fort. Da wartete Oğuz selbst unter dem Baum. Als das Ungeheuer kam und mit dem Kopf gegen seinen Schild stieß, stieß Oğuz ihm den Speer in den Kopf und tötete es. Mit dem Schwert schlug er ihm den Kopf ab und zog weiter.
Zwei Frauen, sechs Söhne
Eines Tages, als Oğuz zum Himmel betete, wurde es dunkel, und vom Himmel kam ein blaues Licht herab, heller als Sonne und Mond. In dem Licht saß ein Mädchen, so schön, dass der blaue Himmel lachte, wenn sie lachte, und weinte, wenn sie weinte. Oğuz verliebte sich in sie und heiratete sie. Sie bekamen drei Söhne: Gün (Sonne), Ay (Mond) und Yıldız (Stern).
An einem anderen Tag sah Oğuz auf der Jagd einen Baum mitten in einem See, und in einer Höhlung des Baumes saß ein weiteres Mädchen, mit Augen blauer als der Himmel und Haar, das wie Wellen floss. Auch sie heiratete er, und sie bekamen drei weitere Söhne: Gök (Himmel), Dağ (Berg) und Deniz (Meer).
Der graue Wolf
Oğuz gab seinem Volk ein großes Fest und rief sich zu dessen Khagan aus. Eine bekannte neutürkische Wiedergabe seiner Verkündung lautet sinngemäß: „Ich bin euer Khagan geworden; lasst uns Bogen und Schild ergreifen. Unser Zeichen sei das Glück, und der graue Wolf sei unser Schlachtruf.“
Er ließ in alle vier Himmelsrichtungen verkünden, dass sich alle ihm unterwerfen sollten. Manche kamen von selbst; andere, wie Urum Kağan, weigerten sich, und Oğuz zog gegen sie. Eines Morgens, als das Lager erwachte, fiel ein Lichtstrahl wie Sonnenlicht in sein Zelt, und daraus trat ein großer männlicher Wolf mit grauem Fell und grauer Mähne. „Oğuz“, sprach der Wolf, „du willst gegen Urum ziehen. Ich werde an der Spitze deines Heeres gehen.“ Von da an führte der graue Wolf den Zug an, und wo er stehen blieb, hielt auch das Heer, und Oğuz gewann eine Schlacht nach der anderen.
Der goldene Bogen und die silbernen Pfeile
Jahre später hatte Oğuz' weiser alter Minister Uluğ Türük einen Traum. Er sah einen goldenen Bogen, der sich vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang spannte, und drei silberne Pfeile, die nach Norden flogen. Er erzählte es Oğuz, und Oğuz schickte seine Söhne auf die Jagd: die drei älteren nach Osten, die drei jüngeren nach Westen. Die älteren fanden einen goldenen Bogen, die jüngeren drei silberne Pfeile.
Oğuz zerbrach den goldenen Bogen in drei Teile und gab jedem seiner älteren Söhne eines, mit den Worten, sie sollten wie der Bogen ihre Pfeile weit in den Himmel schießen. Den jüngeren gab er die drei silbernen Pfeile und sagte ihnen, sie sollten die Pfeile sein, die der Bogen aussendet. Die Nachkommen der älteren Söhne wurden als Bozok bekannt, die der jüngeren als Üçok: die beiden Flügel des Volkes der Oghusen. Spätere Überlieferung führt die vierundzwanzig oghusischen Stämme auf die je vier Söhne dieser sechs Brüder zurück.
Dann gab Oğuz ein letztes großes Fest, teilte sein Land unter seinen Söhnen auf und übergab ihnen sein Reich.
Warum die Geschichte bis heute zählt
Oğuz Kağan gilt als sagenhafter Stammvater der Oghusen, auf die unter anderem die heutigen Türken der Türkei, die Aserbaidschaner und die Turkmenen zurückgehen. Manche Historiker bringen ihn mit Mete Han (Modu Chanyu) in Verbindung, dem Herrscher der Xiongnu im zweiten Jahrhundert v. Chr., doch diese Verbindung ist eher eine Deutung als eine gesicherte Tatsache. So oder so stammen viele Symbole, die Türken bis heute etwas bedeuten, aus dieser Geschichte: der graue Wolf als Wegweiser, der heilige Himmel und Bogen und Pfeile, die einst die Ordnung eines ganzen Volkes bestimmten.


